Donnerstag, 31. Dezember 2015

Nürburgring die grüne Hölle - der Himmel auf Erden

Tourenwagensport der 70er und 80er Jahre
Anekdoten, Geschichten, Fakten



die EICHBERG-Story
Erinnerungen an eine wilde Zeit
...erlebt und erzählt von Dieter Gartmann

Ein paar Anmerkungen meinerseits: ich habe Euch  ja schon in meinem Blog geschrieben, dass ich in den Neunzigerin nicht den Mumm hatte, in den Tourenwagensport einzusteigen - Dieter kannte ich vom Hörensagen aus meiner Kindheit am Nürburgring und als ich vor einigen Jahren mitbekam, dass er "seine Erinnerungen" in Buchform auf den Markt brachte, entstand ein lockerer Kontakt und das beinhaltete auch schöne Abende in Dieter's Motorsportkeller oder auch zusammen mit meinem Papa auf Dieter's Terrasse in Bad Iburg. Ich habe seine drei Bücher schlichtweg aufgesogen und bin noch immer begeistert, daraus einzelne Textpassagen zu lesen.

Vor ein paar Wochen reifte die Idee, Dieter's Zeilen in meinem - nicht gerade erfolgreichen - Blog zu veröffentlichen. Dieter war einverstanden und los ging's...

persönliche Widmung im zweiten Buch

Auf seiner Webseite www.dietergartmann.de habt ihr natürlich weiterhin die Möglichkeit, alle drei Bände käuflich zu erwerben 


Jetzt aber ein paar Auszüge aus dem zweiten Buch von Dieter Gartmann...

Start - beim ersten Rennen am Ring gleich der erste Sieg!
"Irgendwann, wir schrieben das Jahr 1971, war es dann soweit. Der erste Versuch bei einem Rundstreckenrennen auf dem Nürburgring an den Start zu gehen, wurde Realität.

Es handelte sich um das ADAC 2 Stunden Rennen, welches auf der damals noch intakten Südschleife ausgetragen wurde.

Nach einem ereignisreichen Rennen mit einigen Blechkontakten wurde ich, man glaubt es kaum, auf der Position 3 abgewunken.

Nachdem dann auch noch die beiden vor mit platzierten Kollegen bei der Nachkontrolle disqualifiziert wurden, konnte ich nach meinem ersten Einsatz auf dem Nürburgring mit einem Siegerkranz nach Hause zurückkehren."

Der "Hundeknochen" Escort1
"Die frühen 70er Jahre im Montorsport waren geprägt von 2 Liter Motoren, die als 4-Ventiler von BMW und FORD aus der Formel 2 stammten und diesen Fahrzeugen gewaltigen Schub versetzten.
[....]
Die Tourenwagen Europameisterschaft  der 1970 bis 1973 wurde noch vom Capri RS beherrscht, aber ab 1974 tauchte der Hundeknochen Escort BDA regelmäßig in den Ergebnislisten auf den vorderen Plätzen auf.

Legendäre Piloten aus allen Ländern gaben sich im Escort ein Stelldichein. In Deutschland waren es Namen wie: Hans Heyer - Dieter Glemser - Klaus Ludwig - und viele mehr."

Der Anfang - BDA
"....irgendwo im Norden Deutschlands, im kleinen Verkaufs- und Kassenraum einer Westfalen-Tankstelle sitzen drei scheinbar leicht gestörte Typen. Einer kommt irgendwann auf die abenteuerliche Idee, doch einfach so einen Rennboliden Eigenregie aufzubauen, um damit die etablierte Prominenz ein wenig aufzumischen. Ha, ha, ha!
Aber allzu sehr gestört konnten die Jungs nun doch wieder nicht sein, denn aus dieser verrückten Idee wurde sehr bald ein konkreter Plan."

Von welchen drei "leicht Gestörten" schreibt Dieter hier? 

da hätten wir Helmut Eichberg, Kfz-Meister, 34 Jahre alt
dann natürlich Dieter Gartmann, Installateurmeister, 34 Jahre alt
und zu guter Letzt Franz Müller, Versicherungskaufmann, 26 Jahre alt

Damit habe ich Euch den Personalstamm von EICHBERG RACING vorgestellt und damit geht es weiter an den Aufbau des Escort BDA - was braucht man dafür als erstes? Richtig, ein Ford Escort...

In einer Scheune wurde man dann fündig und ein Ford Escort 1100 mit 40 PS wechselte für 500 DM den Besitzer...

Jede freie Minute steckte das kleine Team in ihr Objekt und so wuchs langsam aber sicher ein schmächtiger, hässlicher Escort 1100 "Hundeknochen" zu einem richtigen FORD EICHBERG BDA heran...

...im Spätsommer 1973 kam dann der lange, heißersehnte Moment, als Helmut Eichberg den Anlasser betätigte - Er lief... und wie!

Nach ersten Gehversuchen dann einer der ersten Nordschleifen-Einsätze in 1975 mit unvorhersehbarem Ausgang...
"...ging es wieder Richtung Adenau. An diesem Wochenende hatten wir schönes Wetter, die Nordschleife strahlte. Alle Tainingssitzungen liefen reibungslos und im Qualifying kam ich auf einen beachtlichen 8.Platz.
Als am Sonntag um 14 Uhr die Startflagge fiel, gingen in unserer Division ca. 60 Autos auf die Reise. Ich hatte mich mit unserem "Dicken" bis zur Brücke Breidscheid auf Position  5. vorgekämpft und war im Bereich Hohe Acht relativ allein.
Dann runter durch den Wippermann in Richtung Brünnchen. Bevor Du das Brünnchen erreichst, gibt es da noch eine meiner Lieblingskurven. Eschbach, diese geile Bergaufrechts, die man im dritten Gang nimmt und deren Kuppe die Sicht zur Bergab-Passage nach Brünnchen versperrt.

Nach vielen hundert Runden weiß der Ringkenner, dass man hier voll am Gas hängen muss. Auch wenn Dein innerer Schweinehund und Dein Selbsterhaltungstrieb Dir ständig signalisieren - vom Gas, vom Gas! -

Das ist übrigens eine der vielen Stellen am Ring, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Wenn Du nicht hinter der Kuppe bis auf die Rubbelsteine kommst, warst Du einfach zu langsam!"

Diese kleine Einstimmung bringt uns aber wieder zu dem eigentlichen Rennverlauf  zurück.

"Ich war bis hier mit meinem Dicken zu einer Einheit verschmolzen und nahm, wie ich es immer tat, diese Kuppe Eschbach voll im Dritten. Bei der folgenden Landung auf den Rubbelsteinen, bei der das Hinterrad extrem belastet wird, passierte es! Mit einem gewaltigen Schlag brach die Schweißnaht an der Hinterachse [...] Das Ergebnis war, dass mein linkes Hinterrad mitsamt Bremsscheibe, Sattel, Radlager [...] katapultartig, wie eine Weltraumstation meinen Escort verließ und über die Zuschauer hinweg in die ewigen Wälder der Grünen Hölle verschwand. [...] Da wir uns in der ersten Runde befanden, kamen also hinter mir ca. 60 wilde Heizer mit ihren fliegenden Kisten, für die ich wie eine Straßensperre wirkte. Die Steckenposten traten natürlich sofort in Tätigkeit, aber auch sie konnten nicht vermeiden, dass mein lieber Kollege Andreas Schall mit seinem schwarzen Liqui Moly BMW als Erster in das Brünnchen geflogen kam.

und ganz schnell entscheiden musste, mir

a) in die Tür zu fahren oder
b) zu versuchen hinter meinem Auto vorbeizukommen

Es gab noch einmal einen gewaltigen Schlag und ich wurde mit meinem Escort ca. 20 Meter weitergeschleudert [...] Im Nachhinein muss ich Andreas Schall  dankbar sein, dass er sich für Variante b) entschieden hat. [...] Ein Augenzeuge erzählte uns später, dass es an der Unfallstelle aussah, als wäre ein Kleinflugzeug abgestürzt."

Erstes Buch mit vielen Erinnerungen - auch mein lieber Herr Papa ist ein paar Mal erwähnt und mir kamen fast die Tränen als Dieter mir bei unseren ersten Treffen sagte: "Gerrit, obwohl Dein Papa und ich Konkurrenten waren, so habe ich ihn immer als fairen Sportsmann in Erinnerung" - legendär die Geschichte um den kurzfristig aus Bad Iburg "eingeflogenen" Austauschmotor, der über Nacht in Zolder angekommen ist... Aber ich will nicht zuviel vorwegnehmen...


Das dritte Buch war der Knüller schlechthin. Dieter sind die Erinnerungen nicht ausgegangen und in diesem Buch vergleicht er "damals" mit "heute". Es war schon was anderes, im letzten Jahrtausend dreimal den 24-Stunden-Klassiker zu gewinnen... Ich will die Leistung der heutigen Nordschleifenkünstler nicht herunterspielen - aber es war schon was anderes - keine "kleinen" Helferlein an Bord - kein Hospitality-Zelt hinter der Boxengasse - die Boxencrew meist aus Freiwilligen und Familienmitgliedern...


Alles in Allem ist mit dem Nürburgring keine andere Rennstrecke vergleichbar. Vielleicht Spa in den belgischen Ardennen. 

Dieter Gartmann hat sich mit dem Motorsport einen Traum erfüllt und war in wilden 70ern und 80ern Live hinterm Lenkrad dabei. Die Mannschaft rund um Helmut Eichberg hat den etablierten Teams wie Zakspeed oder Schnitzer relativ oft "in die Suppe" gespuckt...

...Erinnerung an eine geile Zeit...



1 Kommentar:

  1. Dieter ist am 17.11.2016 nach langer Krankheit verstorben. Rest in Peace, Dieter und zeig "denen da oben" mal, wie man seinen Capri blind auf der Nordschleife am Limit bewegt.

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